Montag, 14. Dezember 2009

Noch eine Tanne

Am nächsten Tag regnete es wieder. Mein Blick wandte sich sorgenvoll den noch stehenden Tannen auf dem Nachbargrundstück zu. Eine Tanne stand noch näher als der bereits umgestürzte Tannenbaum an meinem Haus. Beim nächsten großen Sturm würde sie mein Haus wirklich zerlegen. Ich beschloß das Unglück nicht abzuwarten, sondern vorher schützend einzugreifen.

Am darauffolgenden Tag war das Wetter trocken. Ich holte meine Motorsäge aus dem Haus und ging damit zum Nachbargrundstück. Mein Nachbar war gerade dabei sich mit einem Freund wieder zu besaufen. Da es aber erst mittags war, war er noch gut ansprechbar. Zum Bäumefällen hatte er im Moment allerdings keine Lust. Daraufhin versuchte ich den Baum alleine zu fällen.

Im Fernsehen hatte ich gelernt, wie man große Bäume fällt. Man sägt auf der einen Seite unten am Stamm eine Kerbe und schneidet dann von der anderen Seite langsam auf die Kerbe zu. Der Baum fällt in Richtung der Kerbe auf die Erde. Leider wurde die Kerbe schief. Der Baum begann zu knacken und bewegte sich auf die Stromleitung zu, die bei uns über Land verlegt ist. Diese Richtung hatte ich nicht für den Baum vorgesehen.

Ich lief zu dem Nachbarn und übertrug ihm schnell die Verantwortung für die Tanne. Schließlich war es ja sein Grundstück und sein Baum. Er war davon nicht gerade begeistert, aber jetzt kam er wenigstens mit zum Bäumefällen. Die Tanne stand noch aufrecht. Der Nachbar beschloss ein Seil um die Tannenspitze zu legen und die Tanne mit dem Seil von der Stromleitung wegzuziehen.

Sein Kumpel sägte den Baum frei, wir zogen kräftig an der Tannenspitze und die Tanne krachte zu Boden. Dabei streifte sie die Oberlandleitung, die mit einem großen Funkenflug ihren Geist aufgab. Dumm gelaufen. Wenigstens war mein Haus jetzt gerettet. Alle Ereignisse haben immer auch eine positive Seite, wie ich sofort feststellte.

Ich rief die Elektrizitätsgesellschaft an. In sehr kurzer Zeit kam ein Wagen. Ein Mann betrachtete die Stromleitung, stieg auf den Mast und hängte die Stromkabel wieder ein. Eine Stunde später wurde der Strom wieder eingeschaltet. Mir wurde bewusst, dass ich wohl doch kein perfekter Baumfäller bin. Aber mein Nachbar verzieh mir und lud mich ein, den restlichen Tag mit ihnen zu versaufen. Inwischen war noch ein dritten Kumpel gekommen und hatte eine Kiste Bier mitgebracht. Ich musste ihnen leider sagen, dass ich keinen Alkohol trinke und deshalb besser nicht an ihrer kleine Runde teilnehmen sollte.

Seid vorsichtig, egal was ihr tut. Macht keinen Unsinn. Plant euer Leben mit Weisheit. Sägt nicht an großen Bäumen, wenn ihr sie nicht zu fällen versteht. Zerstört nicht gleich euer ganzes Ego, sondern beginnt mit kleinen negativen Eigenschaften. Geht mit kleinen Schritten auf eurem spirituellen Weg voran. Wachst langsam ins Licht.

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