Montag, 28. Dezember 2009

Der Yogi und der Musiker

Mein Musikerfreund ist wie seine Mutter ein zweifelnder evangelischer Christ. Er kennt sich gut mit dem Christentum und der modernen Theologie aus. In seinem Kopf toben viele theologische Theorien wirr durcheinander. Er hat unter den Musikern in Berlin viele Freunde aus verschiedenen Religionen. Aber einen klaren eigenen spirituellen Weg hat er nicht.

Nach dem Abitur wurde er ein freier Musiker. Meistens spielt er für sich alleine, weil nur wenige Mitmenschen seinen sehr individuellen Musikstil nachvollziehen können. Er macht keine Kompromisse. Er passt sich nicht dem Zeitgeist an. Und der Zeitgeist sich nicht an ihn. Ein Popstar wird man so nicht.

Mit den Frauen hat es nicht geklappt. Obwohl Frauen ja auf Musiker stehen, aber wohl eher auf Popstars. So lebt er als Single wie sein Freund der Yogi. Beide ergänzen sich gut. Der Yogi kann stundenlang erzählen und der Musiker kann stundenlang zuhören. Der Yogi hat immer irgendeine verrückte Idee im Kopf, wenn der Musiker ihn besucht. Dann setzen sich beide an den Computer und der Yogi zeigt ihm seine neuesten Internet-Texte. Irgendwie ist der Yogi auch ein Künstler, ein Schreibkünstler. Nicht besonders gut, dafür aber endlos kreativ.

Auf dem Foto sehen wir den Yogi beim Weihnachtenfeiern mit seiner abgesägten Tannenbaumspitze. Die stammt von der Tanne, die bei dem letzten großen Sturm auf die Yogihütte fiel. Die oberste Spitze ist irgendwie verschwunden. Dafür hat der Yogi einen Christstern am Tannenbau befestigt. Später hat er doch lieber eine große Buddhastatue auf die Spitze gesetzt. Und den Stern auf den Kopf des Buddhas geklebt. Das ist praktizierte Einheit aller Religionen. Geschmückt ist der Tannenbaum auch. Unten leuchtet eine kleine Kerze.

Zwischen dem Weihnachtsbaum und neben dem Besucherstuhl kniet der kleine Yogi. Vor ihm liegt seine Yogamatte. Unter einem Waldposter sehen wir einen Tisch mit Weihnachtsgeschenken. Susanne aus der Yogagruppe hat ihm einen Christstollen geschickt. Dahinter steht ein Glas mit selbstgemachter Marmelade von der Musikermutter. Neben dem Marmeladenglas lugt ein großer Apfel aus eigener Ernte hervor. Über dem Kopf des Yogis hängen einige Wandzettel. Wir lesen: "Armer kleiner Yogi Nils", "Der spirituelle Weg ist schwer" und "Die Ruhe gehört zu einem Heiligen wie das Wasser zu einem Fisch."

Naja, von einem Heiligen ist der Yogi noch weit entfernt. Besser passt der Satz "Armer kleiner Yogi". Etwas Selbsterkenntnis hat noch keinem Menschen geschadet. Aber Selbstmitleid ist hier fehl am Platz. Der Yogi hat sich seinen Weg selbst ausgesucht. Er könnte jederzeit reich, glücklich und berühmt sein. Aber er liebt es klein und elend. Mir kommen gleich die Tränen.

Das mit der Ruhe stimmt. Damit ein Mensch spirituell schnell wächst, ist viel Ruhe notwendig. Gott ist in der Stille zu finden. Durch die Stille wendet sich die Energie nach innen, reinigt den Yogi und erzeugt inneres Glück. Der Musiker wird glücklich durch seine Musik und der Yogi durch ein Leben der Ruhe und des spirituellen Übens.

Der Musiker ist ein sehr ruhiger Mensch und der Yogi innerlich eher unruhig. Beide haben ihren Lebensweg gefunden. Der Musiker überwindet seine zu große innere Ruhe durch seine lebhafte Musik. Und der Yogi kommt ins innere Gleichgewicht, in dem er äußerlich in der Ruhe lebt und seine innere Unruhe im Internet austobt. Das Ziel des Yoga ist Sat-Chid-Andana, ein Leben im Sein (Geistesruhe), Einheitsbewusstsein (Gottesbewusstsein) und im inneren Glück. Im Ergebnis sind sich die Wege des Musikers und des Yogis ähnlich. Beide leben auf ihre Art in Gott. Beide erzeugen auf ihre Weise inneres Glück. Beide erfreuen mit ihren Kreationen ihre Mitmenschen, ohne in Gefahr zu geraten Superstars zu werden.

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