Mittwoch, 18. November 2009

Glück als Single


In der heutigen Gesellschaft gibt es einen starken Trend zur Vereinzelung. Immer mehr Beziehungen zerbrechen. Immer mehr Menschen sind dauerhaft allein. In Deutschland leben etwa ein Drittel aller Menschen als Single, in Großstädten fast die Hälfte.
Bei Befragungen bezeichnen sich etwa 10 % aller Singles als glücklich, 40 % empfinden sich als eher nicht glücklich, und 50% sehen sich im Mittelbereich. Von den Menschen in einer Partnerschaft erklären sich etwa 40 % als glücklich, 10 % als eher nicht glücklich und 50 % im Mittelbereich (Grom/Brieskorn/Haeffner, Glück-auf der Suche nach dem "guten Leben", 1987).
Aus diesen Zahlen wird deutlich, dass die Menschen unterschiedlich sind. Manche Menschen fühlen sich als Singles glücklich, manche unglücklich, und der Großteil lebt im Bereich dazwischen. Es sind aber viermal mehr Singles unglücklich als Menschen in einer Partnerschaft. Und es sind viermal mehr Menschen glücklich, wenn sie in einer Partnerschaft leben.
Die Psychologin Eva Jaeggi, selber Single, hat Singles wissenschaftlich untersucht (“Liebesglück-Beziehungsarbeit/Warum das Lieben heute so schwierig ist“. 1999). Nach ihrer Erkenntnis leiden viele Singles sehr unter dem immer wieder auftauchenden Gefühl der Einsamkeit. Viele Menschen haben nach einer Trennung das Gefühl: „Jetzt bin ich gar nichts mehr." Ihnen fehlen das Gespräch, der regelmäßige Kontakt, die Nähe und auch die gegenseitige Fürsorge eines Partners.
Ein Partner gibt einem Menschen ein starkes Sinngefühl. Er ist ein Zentrum, um den sich vieles dreht. Plötzlich fehlt dieses Zentrum. Ein Single muss in sich selbst das Zentrum finden. Das ist für die meisten Menschen nicht einfach. Nach Eva Jaeggi müssen viele Alleinlebende lange mit der Frage nach dem eigenen Ich ringen. Sie müssen einen Sinn für ihr Leben finden. Sonst landen sie in der Passivität und Langeweile, in der "nichts mehr strahlt und alles fade erscheint."
Viele Menschen retten sich durch einen übervollen Terminkalender aus der Sinnkrise. Aber dieses ist langfristig keine ausreichende Lösung. Nach Eva Jaeggi ist weder die übertriebene Geschäftigkeit noch die zu starke Passivität der richtige Weg. Singles müssen es lernen, den eigenen Rhythmus zu finden. Sie müssen das für sie persönlich angemessene Gleichgewicht von Ruhe und Aktivität entwickeln. Sie müssen kreativ ihre persönliche Vision vom Glück suchen.
Singles können ein sehr selbst bestimmtes Leben führen. Auf der anderen Seite müssen sie stark auf den Wunsch nach Nähe verzichten. Ein gelungenes Singleleben zeichnet sich nach Eva Jaeggi dadurch aus, dass man die Chance eines selbst bestimmten Lebens gut nutzt und gleichzeitig eine große Selbstgenügsamkeit in Bezug auf mitmenschliche Kontakte entwickelt.
Eva Jaeggi kommt zu dem Ergebnis: „Alleinleben heißt: sich den inneren Wahrheiten zu stellen, als wäre man in einer fortlaufenden Therapie - nur dann gelingt das Alleinleben."
Das ist auch meine Erfahrung. Ich lebe jetzt seit zwanzig Jahren allein. Ich habe festgestellt, dass man als Single beständig an seinen negativen Gedanken und falschen Sehnsüchten, arbeiten muss, damit man seine innere Positivität bewahren kann.
Eine gute Beziehung bedeutet viel Arbeit. Ein positives Singleleben verlangt noch mehr Arbeit. Man muss sich immer wieder positiv auf das Leben, auf sich selbst und auf seine Ziele besinnen. Man muss sich jeden Tag der Herausforderung stellen, den Weg des Glücks zu gehen.
Die große Glücksvision von 90 % aller Menschen ist eine gute Beziehung. Die meisten Menschen versuchen, diese Vision zu realisieren. Sie probieren es auf einer tiefen Ebene ein bis zweimal. Wenn es nicht funktioniert, leben sie als Single. Dabei bewahren sie oft ihren Traum vom großen Glück in einer guten Beziehung. Sie warten insgeheim immer auf den Märchenprinzen oder die Traumfrau. Oder sie definieren sich als unfähig zu einer guten und dauerhaften Beziehung. Beide Variationen tragen nicht dazu bei, zu einem glücklichen Single zu werden. Besser ist es, die Vision vom inneren Glück aufzubauen.
Im Alter von 23 Jahren lernte ich U kennen. Wir waren sehr verliebt. Wir hatten als junge Menschen das Alleinsein als sehr belastend empfunden. Nach einem halben Jahr zogen wir zusammen.
Die Phase der großen Verliebtheit dauerte in unserer Beziehung etwa ein Jahr. Dann entdeckten wir, dass der jeweils andere auch negative Seiten besaß. Konflikte traten auf. In den ersten Jahren unserer Beziehung waren wir aber in der Lage, über unsere Probleme zu sprechen und sie weitestgehend zu klären.
Irgendwann entwickelte sich unsere Beziehung von einer Liebesbeziehung zu einer Kampfbeziehung. Jeder wollte bestimmte Dinge von dem anderen haben. Ich wollte Sex und ansonsten meine Ruhe. U wollte Zärtlichkeit, Kontakt, Verständnis. Sie liebte Reisen, Geselligkeit und weltlichen Konsum.
Wir wollten beide unsere Beziehung bewahren. Wir entwickelten ein großes Geschick in Kompromissen. Aber irgendwann war das Positive in unserer Beziehung sehr klein und das Negative sehr groß. Wir beschäftigten uns fast nur noch mit unseren Problemen. Wir stritten uns fast ständig. Als unser Sohn Florian kam, wurde unsere Beziehung noch schwieriger. Unser Kind schrie in den ersten beiden Jahren viel und hatte seine eigenen Bedürfnisse.
Wir waren zwölf Jahre zusammen. Dann trennten wir uns. Ich zog aus. Ich erwartete mein Glück nicht mehr von U. Ich sah vielmehr lebenslange Streitereien und Machtkämpfe auf mich zukommen. Dazu hatte ich keine Lust. Ich erstrebte ein friedliches, glückliches und harmonisches Leben.
Ich machte mehrere Rettungsversuche. Wir besprachen intensiv unsere Beziehungsprobleme. Wir bemühten uns beide sehr. Aber nach drei Monaten brach das Bemühen wieder zusammen. Wir hatten nicht die Kraft und das Wissen für eine dauerhaft positive Beziehung.
U blieb mit Florian in der gemeinsamen Wohnung. Florian war damals sieben Jahre. Er litt sehr unter der Trennung. Nach einem halben Jahr hatte er sie einigermaßen gut verarbeitet. Er war aber nie mehr so fröhlich wie vorher. Vorher war er ein fröhliches Kind. Nach der Trennung war er eher ein introvertiertes Kind. Obwohl U und ich uns große Mühe gaben, Florian nicht unter der Trennung leiden zu lassen.
Die ersten drei Monate meines Singledaseins trauerte ich intensiv. Dann wurde die Trauer etwas weniger. Sechs Jahre habe ich stark unter der Trennung gelitten. Ich kriegte oft Panikanfälle. Dann habe ich Süßigkeiten gegessen und mich vor den Fernseher gesetzt oder lange Spaziergänge gemacht und über mein Leben nachgedacht. Es dauerte sehr lange, bis ich positiv zu mir selbst finden konnte.
Nach sechs Jahren hatte ich einen Traum, in dem U und ich in einem Zug saßen. Dann stieg U aus meinem Zug aus. Ich brauchte aber noch sechs weitere Jahre, um U ganz loslassen zu können. Jetzt bin ich manchmal nur noch einfach traurig über mein Singleleben. An U denke ich kaum noch. Ich armer Wurm. Ich glaube, ich bin ein ziemlich schwerer Fall. Ohne meinen spirituellen Weg wäre ich vermutlich untergegangen. Letztlich haben mich meine spirituellen Übungen und mein spirituelles Ziel gerettet. Sie gaben meinem Leben einen neuen Sinn.
Nach meiner Beziehung mit U lernte ich noch mehrere andere Frauen kennen. Ich versuchte sogar mit einer gewissen inneren Panik, mich in neue Beziehungen zu flüchten. Aber keine Beziehung hielt lange. Im Grunde blieb ich immer Single.
Die ersten vier Jahre meines Alleinlebens beschäftigte mich sehr die Frage, wer ich eigentlich bin und was ich vom Leben will. Ich genoss es, mich vollständig selbst leben zu können. Ich lernte, meine Bedürfnisse zu spüren und genau das zu tun, was ich gerade wollte. Beim Zusammenleben mit U bestand das Leben meistens aus Kompromissen. Jeder von uns konnte sich nur zur Hälfte leben. Im Laufe der Jahre verlor ich weitgehend das genaue Gespür für mich selbst. Ich brauchte viele Jahre, um dieses Gespür neu zu entwickeln.
Nach der Trennung musste ich darüber hinaus lernen, mit anderen Menschen zu reden. In unserer Beziehung hatte U diesen Teil übernommen, weil sie es einfach besser konnte. Frauen können oft besser kommunizieren als Männer. In einer Beziehung schlafft man dann als Mann noch mehr ab. Als Single musste ich mir meine Kontaktfähigkeit systematisch erarbeiten. Am Anfang konnte ich mich fast überhaupt nicht richtig mit anderen Menschen unterhalten. Aber im Laufe der Jahre entwickelte sich meine Kommunikationsfähigkeit wieder.
Die Haupterfahrung der ersten vier Jahre des Alleinlebens war die intensive Langeweile. Mit U war es nie langweilig. Es gab immer irgend etwas zu streiten, zu bereden oder zu tun. Als Single konnte ich jetzt tun, was ich wollte. Ich tat auch alles, was ich wollte. Aber es blieb immer noch viel Zeit übrig. Erst langsam lernte ich, dass man als Single seinen Tag bewusst strukturieren muss.
Nach vier Jahren des Alleinlebens kam ich auf die Idee, nach einem Tagesplan zu leben. Das war der große Sieg über die Langeweile und über den Sinnverlust. Die Tage sind jetzt ausgefüllt. Der Tagesplan gibt meinem Singleleben eine positive Struktur. Er gibt mir inneren Halt und Positivität. Seitdem ich nach einem Tagesplan lebe, habe ich mein Singleleben im Griff. Ich lebe auf positive Ziele bezogen und werde dadurch selbst innerlich positiv.
Jeder Tag beginnt bei mir mit einer positiven Tageseinstellung. Was liegt heute an? Was will ich heute tun? Wie kann ich heute meinen Geist positiv ausrichten? Ich mache einen Plan der Aktivitäten. Ich besinne mich auf die positive Eigenschaft, die ich heute besonders brauche. Ich motiviere mich mit positiven Sätzen. Ich mache meine spirituellen Übungen. Dann kann der Tag kommen. Ich bin bereit.
Ich habe lange ausprobiert, was ein optimaler Tag für mich ist. Welche spirituellen Übungen bringen mich voran? Wie lange und wann muss ich meine spirituellen Übungen machen? Wann mache ich meine Arbeit? Wann und wie viele Pausen brauche ich? Wie bringe ich heute die Freude in meinen Tag? Im Laufe der Jahre hat sich eine gute Struktur für meine Tage herausgebildet.
Ich variiere meine Tagespläne öfter etwas. Ich versuche einerseits, nicht zu starr und zu unsensibel für meine konkreten Bedürfnisse zu werden. Andererseits brauche ich eine relativ feste Struktur, damit meine innere Kraft erhalten bleibt.
Meine Hauptangst war, dass ich nicht allein glücklich werden kann. Diesen Gedanken habe ich aus meinen vielen Angstgedanken als Hauptgedanken herausgefiltert. Dieser Gedanke belastete mich am meisten. Er kam immer wieder aus meinem Unterbewusstsein hoch. Positives Singlesein bedeutete für mich die intensive Auseinandersetzung mit diesem Gedanken.
Mir erschien es oft so, dass ich zum Glücklichsein einen anderen Menschen brauchte. Dieser Gedanke ist ja auch nicht ganz falsch. Menschen können sich gegenseitig glücklich machen. Das Zusammensein mit anderen Menschen kann schön sein. Aber nicht immer, es kann auch anders sein.
Es ist sehr wichtig für einen Single, die Dinge klar zu sehen und sich immer wieder klar zu machen. Das Hauptglück eines Menschen ist sein inneres Glück. Es bestimmt zu 90 %, wie glücklich ein Mensch in seinem Leben wird.
Wer die Dinge klar sieht, setzt die Schwerpunkte in seinem Leben richtig. Und dann kann das Singleleben plötzlich zu einem Glücksfall werden. Nach Swami Shivananda besteht der schnellste Weg zum inneren Glück darin, alleine zu leben und spirituell viel zu üben. Nach Amma (Mata Amritanandamay) kommt man auf dem Weg des inneren Glücks fünfmal schneller voran, wenn man allein lebt. Buddha meinte sogar, dass das tiefe innere Glück (die Erleuchtung) nur schwer zu erreichen ist, wenn man in einer Beziehung lebt.
Ich schätze, dass 90 % aller Menschen als Alleinlebende (Singles, Einsiedler, Mönche, Nonnen) zur Erleuchtung gelangen und nur etwa 10 % in einer Beziehung. Eine Beziehung kann einen Menschen vom spirituellen Weg ablenken. Man verliert sich in weltlicher Kommunikation. Man vertut seine Zeit mit vielem Reden. Man verbraucht seine Energie in äußeren Beziehungsaktivitäten.
In einer Beziehung liegt die Hauptkonzentration meistens auf dem Partner und nicht auf dem spirituellen Ziel. Der Partner fordert einen beständig. Und auch man selbst liebt die Nähe, den Kontakt und die Kommunikation. Der spirituelle Weg wird leicht zur Nebenbeschäftigung.
Als Single hat man viel Ruhe. Das ist eine große Belastung und eine große Chance zugleich. Viel Ruhe ist der Hauptweg zur Erleuchtung. Durch viel Ruhe lösen sich die inneren Verspannungen fast von allein. Wer viel Ruhe mit regelmäßigem spirituellen Üben verbindet, geht den optimalen Erleuchtungsweg. Wer als Single nicht vor der Ruhe flüchtet, indem er viele Kontakte zu anderen Menschen pflegt oder ständig den Fernseher anschaltet, sondern in die Ruhe hineingeht, sie lebt und sie mit spirituellen Übungen kombiniert, wächst ins innere Glück.
Der Hauptweg zum inneren Glück ist der Weg der Erleuchtung. Diese Tatsache ist eine große Gnade für alle Singles. Sie sind nicht verloren. Man kann zur Erleuchtung in einer Beziehung oder als Single gelangen. Aber das Alleinleben bietet normalerweise erheblich größere Chancen, das Ziel zu erreichen. Man kann als Single dauerhaft in einem Glück leben, das für normale Menschen unvorstellbar ist.
Das Alleinleben ist der härtere Lebensweg. Es ist für die meisten Menschen schwer, allein zu leben. Aber gerade deshalb bietet das Alleinleben auch die größeren Wachstumschancen. Nutzen wir sie. Ergreifen wir die große Glückschance, die sich uns bietet. Leben wir als Sieger. Verwirklichen wir uns selbst.

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